Presque vu, Déjà vu, Jamais vu
Wenn Gedächtnis und Gefühl nicht zusammenpassen
Du kennst den Namen, er liegt Dir auf der Zunge, aber er kommt nicht. Du betrittst einen fremden Raum und hast das sichere Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Oder Du schreibst ein ganz alltägliches Wort und plötzlich sieht es falsch aus.
Hinter diesen drei Momenten stecken drei Phänomene mit französischen Namen: Presque vu („fast gesehen“), Déjà vu („schon gesehen“) und Jamais vu („nie gesehen“). Sie wirken wie Störungen. Tatsächlich zeigen sie aber sehr genau, wie Dein Gedächtnis arbeitet.
Zwei Signale, die normalerweise zusammenarbeiten
Wenn Du Dich an etwas erinnerst, laufen zwei Dinge gleichzeitig ab. Du rufst einen Inhalt ab, und Du hast ein Gefühl von Vertrautheit. Normalerweise passen beide zusammen: Du erkennst Deine Kollegin und weißt sofort ihren Namen. Bei den drei Phänomenen geraten Inhalt und Gefühl aus dem Takt:
- Presque vu → Wissen ist da → Zugriff fehlt
- Déjà vu → Vertrautheit ist da → Erinnerung fehlt
- Jamais vu → Erinnerung ist da → Vertrautheit fehlt
Presque vu: Das Wort auf der Zunge
In der Forschung heißt das Phänomen meist „Tip of the Tongue“. Roger Brown und David McNeill erzeugten es 1966 in Harvard, indem sie Definitionen seltener Wörter vorlasen. Dabei zeigte sich etwas Erstaunliches: Die Versuchspersonen fanden das gesuchte Wort nicht, konnten aber oft den Anfangsbuchstaben und die Silbenzahl nennen. Das Wissen war also teilweise da.
Fast jeder Mensch kennt diesen Zustand, viele etwa einmal pro Woche, und mit dem Alter wird er häufiger. Besonders betroffen sind Eigennamen. Eine verbreitete Erklärung lautet: Die Bedeutung ist schon gefunden, die Lautform aber noch nicht ausreichend aktiviert.
Bedeutung → Wortform → Laute → Aussprache
Irgendwo in dieser Kette hakt es. Oft drängt sich zusätzlich ein ähnliches, falsches Wort auf und blockiert das richtige.
Déjà vu: Vertraut, aber woher?
Etwa zwei Drittel der Menschen kennen Déjà-vu-Erlebnisse. Am häufigsten lösen Orte sie aus, an zweiter Stelle stehen Gespräche. Die Psychologin Anne Cleary hat das im Labor nachgestellt, unter anderem mit virtuellen Räumen. Ihr Ergebnis: Déjà vu tritt eher auf, wenn eine neue Szene räumlich einer früheren ähnelt, an die Du Dich bewusst nicht mehr erinnerst. Das Gedächtnis meldet „bekannt“, kann aber die Quelle nicht liefern.
Déjà vu ist also keine Vorahnung und kein Hinweis auf ein früheres Leben. Es zeigt, dass Dein Vertrautheitssystem schneller arbeitet als Deine bewusste Erinnerung. Viele Forscher sehen darin eine Art Faktencheck: Das Gehirn bemerkt, dass Gefühl und Wirklichkeit nicht zusammenpassen.
Jamais vu: Das Bekannte wird fremd
Das Gegenteil ist seltener, aber Du kannst es leicht selbst auslösen. Akira O'Connor und Chris Moulin ließen Versuchspersonen dasselbe Wort immer wieder abschreiben. Rund 70 Prozent unterbrachen mindestens einmal, weil sich das Wort seltsam anfühlte. Es verlor seine Bedeutung und sah aus, als wäre es gar kein richtiges Wort. Für diese Forschung erhielten die beiden 2023 den Ig-Nobelpreis für Literatur.
Die Erklärung heißt Sättigung: Wird eine Gedächtnisspur zu oft hintereinander aktiviert, verliert sie vorübergehend ihre Bedeutung. Jamais vu ist ein Signal, dass etwas zu automatisch geworden ist, und es holt Dich aus der Routine heraus.
So steuerst Du gegen
Bei Presque vu
- Nicht verkrampfen. Je mehr Du Dich auf das falsche Wort fixierst, desto stärker blockiert es. Lenk Dich kurz ab, oft kommt die Antwort von selbst.
- Klänge durchgehen. Mit welchem Buchstaben fängt es an? Wie viele Silben hat es? Laute sind oft der fehlende Schlüssel.
- Antwort aktiv verwenden. Wenn Du sie nachschlägst, sprich sie laut aus und verwende sie. Wortfindungsblockaden kommen häufig bei denselben Wörtern wieder. Eine aktiv aufgelöste Blockade schützt besser davor.
- Mehrere Eingänge schaffen. Ein Name, der mit einem Bild, einer Geschichte oder einem Ort verknüpft ist, hat mehr Wege ins Bewusstsein. Hier schließt sich der Kreis zum Wissensnetz.
Bei Déjà vu
- Als Neugierreiz nutzen. Woran erinnert mich das? Welcher Ort sah ähnlich aus? Manchmal findest Du die Quelle.
- Gelassen bleiben. Gelegentliches Déjà vu ist völlig normal. Treten Déjà-vu-Erlebnisse aber plötzlich sehr häufig auf oder zusammen mit Aussetzern, Übelkeit oder Gerüchen ohne Quelle, solltest Du das ärztlich abklären lassen.
Bei Jamais vu
- Pause machen. Wechsle die Tätigkeit. Danach ist das Wort wieder normal.
- Beim Lernen variieren. Lies nicht zehnmal denselben Absatz. Stumpfe Wiederholung kann Bedeutung eher abnutzen als festigen. Frag Dich stattdessen selbst ab, formuliere um und verknüpfe.
Probier es aus
- Jamais vu erleben: Schreib das Wort „und“ so schnell wie möglich 30-mal hintereinander. Achte darauf, ab wann es seltsam aussieht.
- Presque vu beobachten: Wenn Dir das nächste Mal ein Name auf der Zunge liegt, notiere alles, was Du weißt: Anfangsbuchstabe, Silbenzahl, ähnliche Wörter. Prüfe danach, wie viel davon gestimmt hat. Du wirst sehen, dass Dein Gedächtnis mehr weiß, als es gerade herausgibt.
- Déjà vu nutzen: Frag beim nächsten Mal nicht „Was passiert hier?“, sondern „Was kenne ich, das so ähnlich war?“
Wenn Du lernen möchtest, Wissen so zu verankern, dass Du sicher darauf zugreifen kannst, findest Du die Methoden im Seminar Gedächtnis- und Lerntechniken und im Buch Der große Gehirntrainer.
Quellen und Vertiefung
- Brown, R. & McNeill, D. (1966): The „tip of the tongue“ phenomenon. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 5(4), 325–337
- Brown, A. S. (1991): A review of the tip-of-the-tongue experience. Psychological Bulletin
- Cleary, A. M. & Claxton, A. B. (2018): Déjà vu: An illusion of prediction. Psychological Science
- O'Connor, A. & Moulin, C. (2023): Jamais vu: the science behind eerie opposite of déjà vu. The Conversation