Warum Du Namen vergisst, aber Gesichter nicht
Du kennst das: Jemand kommt auf Dich zu, Du erkennst sofort das Gesicht und weißt sogar noch, woher Du die Person kennst. Aber der Name? Wie weggeblasen.
Noch unangenehmer wird es, wenn die Person sagt: „Du kennst mich doch. Ich bin Thomas!“ Und plötzlich weißt Du es wieder: Natürlich, Thomas!
Warum war das Gesicht sofort da, der Name aber nicht? Weil Gesichter und Namen für Dein Gedächtnis zwei sehr unterschiedliche Arten von Information sind.
Ein Gesicht ist mehr als Augen, Nase und Mund
Wenn Du ein bekanntes Gesicht siehst, erkennst Du kein Einzelteil, sondern ein Gesamtmuster. Daran ist unter anderem der fusiforme Gesichtsbereich beteiligt, eine Region im Übergang von Schläfen- und Hinterhauptlappen. Das heißt nicht, dass dort ein kleines Gesichtsarchiv sitzt. Die Erkennung entsteht im Zusammenspiel mehrerer Hirnregionen.
Die Forschung zeigt: Gesichter sind für unser Wahrnehmungssystem eine besondere Kategorie (Kanwisher & Yovel 2006). Bekannte Gesichter erkennen wir bemerkenswert gut.
Ein Name ist ein schlechtes Gedächtnisobjekt
Nun zu „Thomas“. Der Name verrät fast nichts über die Person: weder ihr Aussehen noch ihren Beruf, ihre Stimme oder ihren Charakter. Ein Thomas kann ein 25-jähriger Programmierer sein, ein 70-jähriger Lehrer oder ein Fußballtrainer. Ein Name ist zunächst ein willkürliches Etikett.
Das Gesicht liefert Informationen über die Person. Der Name bezeichnet die Person.
Die Verbindung zwischen beidem musst Du erst lernen. Und genau diese Verbindung ist störanfällig.
„Ich kenne Dich, aber Dein Name fällt mir nicht ein“
Die Psychologie kennt dieses Phänomen als Tip-of-the-Tongue-Effekt: Du hast das Gefühl, die Information sei da, kommst aber nicht heran. Eigennamen sind dafür besonders anfällig, weil sie wenig Bedeutung tragen (Brédart 2017).
Statt des Namens liefert Dein Gehirn etwas anderes: Steuerberater, Brille, kennengelernt bei einem Seminar, wohnt in Potsdam, zwei Kinder. Das sind lauter Verbindungen. Der Name hat dagegen kaum eigene Bedeutungsmerkmale, an denen er hängen könnte.
Das ist kein Beweis für ein schlechtes Gedächtnis. Erkennen und Abrufen sind unterschiedliche Leistungen.
Wann Namen gut hängen bleiben
Du lernst jemanden kennen: „Das ist Frau Bach. Sie arbeitet als Musikerin.“ Plötzlich hat „Bach“ eine Bedeutung. Vielleicht denkst Du an Johann Sebastian Bach. Der Name hat jetzt einen Anker:
Frau Bach → Musikerin → Bach → Musik
Aus einem bedeutungslosen Etikett wird eine kleine Geschichte. Genau hier setzen Gedächtnistechniken an.
Die Technik: Mach aus dem Namen ein Bild
Du lernst Herrn Fischer kennen. Verbinde seinen Namen mit einem auffälligen Bild: Stell Dir vor, wie er einen riesigen Fisch aus einer Badewanne zieht. Das Bild muss nicht realistisch sein. Im Gegenteil: Je absurder und übertriebener, desto besser dient es später als Abrufhilfe.
So wird aus „Gesicht → Fischer“ eine Gedächtniskette:
Gesicht → Angel → Fisch → Fischer
Dahinter steckt ein allgemeines Prinzip des Gedächtnisses: Neue Information bleibt leichter haften, wenn Du sie mit etwas Vertrautem oder mit einem Bild verknüpfst.
Probier es aus
Beim nächsten Kennenlernen:
- Wiederhole den Namen sofort laut: „Freut mich, Herr Fischer.“
- Such ein Bild zum Namen, so absurd wie möglich.
- Verbinde das Bild mit einem Merkmal im Gesicht.
- Schreib am Abend den Namen aus dem Gedächtnis auf.
Wenn Du die Technik mit mir üben möchtest, findest Du sie im Seminar Gedächtnis- und Lerntechniken und im Buch Gedächtnistraining.
Quellen und Vertiefung
- Kanwisher & Yovel (2006): The fusiform face area: a cortical region specialized for the perception of faces
- Brédart (2017): The cognitive psychology of people’s names